Carmen E. Kreis zeigt erstmals ihre Videoarbeiten der letzten Jahre im Überblick. Die Präsentation lädt zur konzentrierten Ver-
tiefung in die dichten und präzis komponierten Einzelwerke ein. Gestik und tänzerische Bewegung prägen die Arbeiten, die sich
auf einen beziehungsreichen Dialog mit dem Medium Video und Fragen der Wahrnehmung und der Sprache einlassen.
Die Künstlerin setzt sich mit philosophischen Lebensprinzipien und Konzepten des Fliessenden und Zyklischen intensiv ausein-
ander. Anstatt solche Modelle jedoch einfach zu reproduzieren, fordern ihre Werke das aktive Assoziieren zwischen Bild- und
Sprachfragmenten im Zeichen der Bewegung ein. Alle Videoarbeiten vermitteln und übersetzen so zwischen unterschiedlichen
Sprach- und Denksystemen.
Die 2001 erstmals in der Galerie Werkstatt in Reinach gezeigte Arbeit Motus vivendi (2001) markiert einen neuen Schaffenszyklus
der Künstlerin, der sich durch eine verdichtete Komposition von Film-Motiv, Videoschnitt und Klang auszeichnet. In dieser Arbeit
treten nur bewegte Fragmente - und fragmentierte Bewegungen - in das Blickfeld. Weisser Kimono und schwarzer Hakama (trad.
japanischer Hosenrock), Fuss und Hand deuten einen menschlichen Körper an, verweigern aber die Identifizierung der Person
wie auch die Verortung im Raum: Der/die Betrachter/in kann sich nur noch an den Bewegungen selbst orientieren und wird da-
durch in ihren Rhythmus hineingezogen. Dieser Rhythmus wird nicht nur von den Körpern der trainierenden Aikidokas erzeugt:
Der Schnitt, die Kamerapositionen und die Paukenschläge tragen wesentlich dazu bei, dass die Bewegung in einem dauernden,
rhythmisierten und unberechenbaren Fluss bleibt, der die Aufmerksamkeit fordert und zugleich den fliessenden Kreislauf erahnen
lässt, der die Philosophie des Aikido prägt. Der Ton entstammt einer Hirnstrommessung, die die Künstlerin bei der Betrachtung
des fertig geschnittenen Films vorgenommen hat. Durch ein besonderes technisches Verfahren, das gewöhnlich für therapeutische
Zwecke verwendet wird, wurden die Hirnstromkurven in Ton umgesetzt (Psychofonie).
Die aktuellste Arbeit über-setzen (2005) verdichtet die Grundthemen und filmischen Strategien der vorangehenden Videofilme zu
einem komplexen Konzentrat und fordert die analytische und die synthetisierende Wahrnehmung gleichermassen heraus. Bewe-
gung, Sprache, Ton, Bild und Bildschnitt greifen ineinander über und erschweren gerade aufgrund ihrer genauen Abstimmung
aufeinander die vollständige Erfassung des Ganzen.
Anhand eines Videostills von Motus vivendi erläutert der Semiotiker Jacques Geninasca seine Bildtheorie, während Sequenzen
genau dieses Filmes seine Äusserungen kontrapunktisch begleiten. Der Bildschirm bzw. die Projektionsfläche als Bildfeld werden
von der Künstlerin genutzt, um die geometrischen Aufteilungen, Diagonalen und Gliederungen spielerisch zu erproben. Die kom-
plexe, auf mehreren Ebenen überlagerte Videokomposition wird diesmal weniger vom Ton denn vom Filmschnitt rhythmisiert -
womit die Aufmerksamkeit ausgehend vom Bild auf die Bildsequenz und die filmspezifische Bewegung gerichtet wird. Das be-
wegte Videobild entwickelt dabei eine Eigendynamik, die in einen spannungsvollen Dialog mit den semiotischen Konzepten
Geninascas tritt.
Über-setzen ist Ergebnis einer langen und intensiven Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Mediums Video. Die Aus-
stellung bietet durch die Zusammenführung von Arbeiten, die über 7 Jahre entstanden sind, einen Nachvollzug dieses Prozesses.
In der frühesten Videoarbeit von Carmen E. Kreis, Mano destra e sinistra (1999), fokussiert die Standkamera ausschliesslich auf
zwei Hände, die in dauernder Bewegung Zeichen, Figuren, Architekturen, aber auch Assoziationen mit tanzenden oder ineinander
verkeilten Körpern evozieren. Lautlos zieht das bewegte Close-Up den Blick in seinen Bann. Die minimal gehaltenen technischen
Mittel und die Präsenz der Haut und ihrer Oberflächenstruktur verleihen der Arbeit einen nahezu skulpturalen Charakter.
Das Zusammenspiel von Ton und Bewegung als sich gegenseitig stützende Treibkräfte des Kreislaufs wird in der Arbeit Hoch-
wasser (2003) mit der Sprache und ihrem Assoziationspotenzial ergänzt. Auch hier beschränkt sich die Kamera auf die Fokus-
sierung auf ein Motiv, das sich diesmal als schwer identifizierbares Objekt im rauschenden Hochwasser des Rheins andeutet.
Während der Wasserstrom unbändig sein Spiel mit dem Objekt treibt, fliessen am unteren Bildrand Worte vorbei, die das weite
sprachliche Assoziationsfeld und die alltägliche wie auch symbolische und philosophische Bedeutung des Wassers offen legen.
Die Arbeit wurde 2003 erstmals als ortspezifische Installation im Frontstore am Rhein gezeigt, wo das Rauschen des St. Alban-
Teichs integraler Bestandteil der Arbeit wurde.
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1 Aikido ist eine japanische Kampfsportart. Es ist eine Kunst der Körperbeherrschung, welche gemeinsam mit einem/einer Partner/in im ständigen
Wechselspiel verschiedener Angriffs- und Verteidigungsformen im Dojo (Trainingsraum) geübt wird.